Darum seid barmherzig (Markus 14)

Seid barmherzig, so wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird man euch wieder messen. Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Predigttext zum 5. Juli 2009, Johanniskirche am Werderplatz

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Zu wem?

Perspektivenwechsel.

Eine Gruppe von Frauen im Gefängnis. Ohne Straftat kein Knast. Sie bitten um Mauern aus Glas, damit ihr Blick nach draußen dringen kann.

Musikeinspielung Mauern aus Glas Foto:_by_H.P.-Brinkmann_pixelio.de3http://www.youtube.com/watch?v=9NDefT68gl4

Seid barmherzig und richtet nicht, liebe Gemeinde. Dann diese Gefängnisband. Keine komplizierte Musik, einfache Worte, sprechen vom Eingesperrtsein, Abgeschnittensein von der Außenwelt.

Seid barmherzig, sagt Jesus. Richtet nicht ... spricht er gegen eine solche Rechtsprechung? Ehrlich gesagt, es ist nicht sein Thema. Als Jude hat er ziemlich strenge Gesetze gekannt, von denen er kein Jota wegnehmen wollte. Aber dann ist er zu denen gegangen, die gut hinter diesen Gefängnismauern hätten sitzen können. Kapitalverbrecher zumindest, die Zöllner. Mit denen hat er gegessen. Die Huren, mit denen er offensichtlich auch gegessen hat, waren damals noch schlimmer dran. Frauen durften nicht arbeiten. Wenn ihr Mann gestorben ist, waren sie entweder die Witwe, die in Armut leben musste von Almosen. Oder sie hat den Bruder heiraten müssen. Oder aber sie hat sich zur Aussätzigen gemacht und ihr eigenes Geld verdient. Indem sie ihren Körper verkauft hat.

Mauern aus Glas wünschen sie sich. Die Gefängnisband. Gesehen zu werden.

Seid barmherzig, wie der Vater auch barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet.

Ja, gut, was haben wir mit diesen Menschen zu tun? Sie sitzen ja ganz woanders. Verurteilt für eine Straftat, die sie hoffentlich auch begangen haben. Wir brauchen doch auch Regeln. Jedes Mal, wenn wir mit unseren Konfirmanden wegfahren, sehen wir es von Neuem, erkennen sie es selbst. Gleich zu Beginn: wie immer jemand über die Grenzen des anderen geht. Wenn Menschen zusammen sind braucht es Regeln. Und die im Gefängnis haben dagegen verstoßen. Und sind gleichzeitig ausgeschloßen - vom weiteren Gemeinschaftsleben. Deswegen wollen sie die Mauern aus Glas. Sie greifen die Mauern nicht an! Ja, aber warum haben sie dann überhaupt dagegen verstoßen? Tja - wir wissen es nicht.

Musikeinspielung Kind sein http://www.youtube.com/watch?v=y1kaN9G01bc

Foto: by_Kurt-Bouda_pixelio.deSeid barmherzig. Richtet nicht.

Ist das nicht ein bißchen viel Sozialromantik? Schlechtes Elternhaus. Ihr habt mich dazu gemacht. Hätte doch Liebe gebraucht, Geborgenheit, Eltern, die hinter einem stehen... O.K. Das wünschen sich alle. Haben vielleicht die wenigsten. Darf ich dann gegen die Regeln verstoßen, so dass ich ins Gefängnis komme...? Uuups. Nicht richten. Sie sind schon verurteilt.

Lernen, mit einem gebrochenen Herzen zu leben, so hat es Pierre Stutz, ein neuzeitlicher christlicher Mystiker beschrieben. Einer, der mit seiner Kindheit gehadert hat, was aus ihm gemacht wurde und wie er ein Leben lang kämpfen muss, um aus dem Fahrwasser zu kommen. Lernen, mit dem gebrochenen Herzen zu leben... eine schöne Formulierung, die man aber immer nur für sich selbst sagen kann, nicht für andere. Fühlen kann die Person es nur für sich selbst und sich schnell als Außenseiter wahrnehmen - im Vergleich mit denen, denen es viel besser zu gehen scheint.

Musikeinspielung: AußenseiterFoto: privat (http://www.youtube.com/watch?v=lYDczkJY6LU)

 

Hey ihr Penner, Knackis und Straßenkinder

Wir haben auch an euch gedacht.

Das Lied ein Gruß an alle Außenseiter

auch für euch geht das Leben weiter.

Keiner will euch um sich haben

niemand euer Schicksal mit tragen.

Seid eine Schande für die Gesellschaft,

keine Ahnung wie ihr das alles schafft.

Doch ihr haltet zusammen wie viele nicht mehr, Not baut Brücken, das sieht man hier.

Seid eine Familie, habt ja sonst niemanden mehr, gebt nicht auf, denn auch ihr habt einen Wert.Foto: privat

Schnorrend und bettelnd hängt ihr da rum

Für die, die euch da sehen, nur Abschaum und dumm.

Habt ihr noch Ziele und Träume wie wir

Wir denken ja, sonst wärt ihr nicht mehr hier.

Keiner will wissen warum ihr dort seid,

selbst daran schuld, mag oft so sein.

Wie schnell kann es gehen und wir sind auch bei euch,

wir verurteilen nicht, das wäre zu leicht.

 

Klar, habe ich da gleich an den Werderplatz gedacht. Keiner will euch um sich haben, niemand euer Schicksal tragen. Seid eine Schande für die Gesellschaft, keine Ahnung, wie ihr das alles schafft.

Gut, man kann die Außenseiterrolle unterschiedlich regeln. Haben wir ja an Pierre Stutz gesehen.Und sind es nicht zu viele Menschen, die unsere Treppen, den Werderplatz bevölkern? Von wegen: die halten zusammen. Da sind die altbekannten Alkoholiker vom Brunnen, dann sind jetzt Russen dazugekommen, viele Junkies und Methadonpatienten. Und und und... Zuviel Außenseiter auf einem Platz. Besoffenes Rumgebrüll, Bierpfützen, verstopfte Klos, Pinkeln überallhin..

Da reichts doch, oder? Klar. Ja. Es ist zuviel.

Keiner will wissen warum ihr dort seid, selbst daran schuld – mag oft so sein. Wie schnell kann es gehen und wir sind auch bei euch, wir verurteilen nicht, das wäre zu leicht....      heißt es in der letzten Strophe des Liedes. Ich lese Vers 41-42:

Was siehst du aber einen Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewahr? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt stille, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuvor den Balken aus deinem Auge und siehe dann zu, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!

Der Balken in unserem Auge, wenn wir genug haben vom Lärm auf dem Werderplatz, von den vollen Treppen? Ich geb es ja zu, es ermüdet mich auch immer wieder. Und ich sehe dringend Handlungsbedarf, sonst tritt bei uns eine Verelendung ein, die nicht sein darf. Und nicht muß. Mein Balken...? Was ist mein Balken?

Mich hat eine Begegnung mit einem Mann zum Nachdenken gebracht und die Gefängnis-CD. Die Band, die mit ihren Liedern auffordert, sie zu sehen. Nicht nur zu verurteilen. Sie sitzen ihre Strafe schon ab. Da brauchen die draußen sie nicht weiter zu strafen.

Die Begegnung mit einem Mann. Es ging um unsere Kirchentreppen. Dieser Mann sagte mir: "Wissen Sie, ich könnte ja schon mit den Menschen reden und sie wegschicken. Aber ich glaube, ich trete da nicht richtig auf. Ich wirke immer so lehrerhaft. Und da könnten sie merken, was ich von ihnen denke. Sie gehen eher burschikos mit ihnen um. Da reagieren sie besser drauf.

Der Ausspruch berührte mich merkwürdig und ich hab aber nicht gleich gemerkt, warum. Für mich hab ich entdeckt: Ja, schnell sind wir auf dem Dampfer. Der Dreck, den sie machen, ist eklig, sie sind eklig, sie sind zum Teil bedrohlich. Mit denen will ich nichts zu tun haben. So will ich nicht sein. Die sind daneben. Und bißchen Angst flößen sie mir auch ein. Das ist es, was der Mann meint?

Verständlich, mein Balken? Ich will ja auch nicht so sein. Aber da haben wir diesen Stachel im Fleisch. Genannt Jesus. Richtet nicht! Seid barmherzig... Sollen wir uns alles gefallen lassen? Den Siff, den Lärm, wie unsere eigenen Veranstaltungen boykottiert werden, nur weil die rumsitzen???? Saufen und viele Dinge tun, die wir zum Glück nicht wissen... Die Gefängnis-CD macht es da einfacher, eine nette Band mit Frauen, die weit weg sind. Da kann man die Problematik ja ganz gut verstehen. Hat ja auch nicht soviel mit uns zu tun. Oder doch?

Keiner will wissen, warum ihr dort seid... unser Stachel im Fleisch, Jesus von Nazareth. Der uns eben eine andere inhaltliche Grundlage gibt. Was heißt das für den Werderplatz und unseren Umgang mit den Leuten? Ich selbst bin wirklich oft ziemlich entnervt von der Thematik. Und noch mehr, wenn behauptet wird, es sei nicht ein Schwerpunkt in unserer Gemeindearbeit. Aber durch den kritischen Mann, die Bemerkung, jemand könnte merken, was er wirklich über die Leute denkt, und durch den Stachel im Fleisch ist mir bewußt geworden, worum es geht.

Es geht um unsere Haltung, den Menschen gegenüber. Ich kann die Taten von Menschen verurteilen, aber sie bleiben Menschen. Und es steht mir nicht zu, den Menschen zu verurteilen. Ich kann sagen, es ist eine Sauerei, was Ihr da macht. Und es ist einfach eklig, wie die Treppe aussieht, vielleicht auch, wie verwahrlost ihr ausseht. Nein. So will ich mich nicht runterkommen lassen. Aber.... es ist ein Mensch... wie der Zöllner, die Hure.... mit denen Jesus gegessen hat.

Weil es zur Zeit so schlimm ist am Werderplatz und auf unserer Treppe haben wir, Frau Huber und ich, mit den Sozialarbeitern und Menschen von der Treppe, ein Treffen ausgemacht. Da saßen sie: Deutsche, Russen, z.T. zugedröhnt, z.T. ansprechbar und vernünftig, jeder in seiner eigenen Welt argumentierend. Ja, und ich habe gemerkt, wie sie Gesichter bekommen. Die verschiedenen Menschen. Und immer wieder lerne ich einen kennen, durch solche Gespräche. Sie haben mitbekommen, worum es uns geht. Wir hoffen, dass sie in ihrer jeweiligen Gruppe mithelfen, Ordnung zu halten. Die Treppe zu räumen, wenn z.B. Offene Kirche ist. Gesichter, Ansprechpartner, Iwan, Paul, Manne, Romeo, Remus.... und sogar eine “Anwohnerin” vom Werderplatz war dabei, konnte ihren Frust loslassen..... Klar brauchen wir immer noch die Polizei, die sich um Drogen kümmert. Aber auch das Gesicht, den Kontakt zum Menschen....

Der Stachel Jesus... mein Balken im Auge... was ich über die Leute denke... - es geht um die Haltung! Es ist, glaube ich, eine lebenslange Arbeit an unserer Haltung zu arbeiten, andere Menschen nicht als Mensch abzuwerten oder abzuurteilen für das, was er getan hat oder tut. Das ist die Botschaft Jesu!            Hier im Lukas-Evangelium. Arbeite an deiner Haltung! Deinem Balken im Auge!

Und das bedeutet nicht ein blauäugiges "Wir haben uns alle lieb". NEIN. Einen Menschen nicht aufgrund seines Tuns abzuwerten kann trotzdem heißen, ich muß mich vor dieser Person schützen! Weil diese Person unter Umständen gefährlich werden kann. Aber will ich deswegen die Haltung aufgeben, die Jesus vorgelebt hat?? NEIN. Ich will auch lernen, mit der Gefahr umzugehen.

Ich sag ja: unser Stachel im Fleisch. Wollen wir uns nach der Haltung Jesu ausrichten? Für den Menschen einsetzen, der hinter den Massen von Trinkern und Drogenabhängigen steht? Und gleichzeitig uns gegen das Auswirken ihrer Taten einsetzen, aber sie eben als Mensch nicht abwerten?

Vielleicht denken Sie daran, wenn Sie jetzt auf den Werderplatz gehen...  Amen

Predigt: Pfarrerin Lara Pflaumbaum

am 5. Juli 2009

„Dort stehen Mülltonnen!-weshalb fliegt der Abfall trotzdem auf den Werderplatz?“Foto: privat

So erkundigte sich ein Passant vor einiger Zeit bei den Diakonie- Streetworkern vor Ort.

Die „öffentliche Müllentledigung“ ist ein Phänomen, das nicht nur am Werderplatz verbreitet ist und so führte das Amt für Abfallwirtschaft (AfA) nunmehr zum dritten Mal seine Aktion „Dreckweg-Wochen“ durch.

Wie viele andere Bürger im Stadtgebiet nahmen auch einige Männer und Frauen aus der Südstadt das Werkzeug zur Hand. Gemeinsam mit den Streetworkern gruben sie an zwei Vormittagen im April den Müll aus den Toiletten unter dem Brunnen aus und kratzten Kronkorken aus dem Pflaster. (die verschiedenen Getränkesorten lassen übrigens auch auf andere Verursacher als nur die “Brunnenleuteschließen). Am Tivoli holten sie Sperrmüll aus dem Wald und säuberten den Platz von Scherben und Müll.

Wussten Sie übrigens, dass das ganzeJahr über Männer des Streetwork-Service- Teams in Kooperation mit dem AfA und dem Gartenbauamt Straßen und Plätze in der Südstadt und anderen Stadtteilen sauberhalten?

Derzeit erhalten über sog. 2,-€ Jobs 17 Personen eine Tagesstruktur und weitergehende Unterstützung. In der letzten Zeit erreichen uns auch andere Klagen über vermehrtes auffälliges Verhalten der Gruppen am Werderplatz. Wir befinden uns diesbezüglich in Gesprächen mit Anlaufstellen, Vereinen und beteiligten Gruppen. Gemeinsam arbeiten wir an der Verbesserung der Aufenthaltsqualität für alle Südstädter Bürger.

Streetwork Diakonisches Werk,

Kern/ Haberland/ Meister

(Artikel entnommen aus RUDI 06/09)